Porträt - Der Ehinger Kirchenmusiker Christoph Mehner leitet seit einem Jahr den Reutlinger Kammerchor

Auf steinigem Weg zum musikalischen Gipfel

VON ARMIN KNAUER
REUTLINGEN. Der Reutlinger Kammerchor hat eine unruhige Zeit hinter sich. Nach dem Abschied der langjährigen Leiterin Christa Feige kam Roman Schmid, der aber schon nach einem Jahr wegen familiärer Probleme wieder passen musste. Mitten in der Konzertvorbereitung übernahm der Ehinger Christoph Mehner und nach einem Jahr ist klar: Aus dem Provisorium ist eine dauerhafte Zusammenarbeit geworden.
Da haben sich zwei gefunden: ein nicht unehrgeiziger Chor und ein überaus ehrgeiziger Chorleiter. Bei der von uns besuchten Probe im Treffpunkt für Ältere zeigt sich schnell, dass da einer absoluten Wert auf Feinheiten legt. Besser drei- als zweimal lässt der drahtige 56-Jährige einzelne Motivbögen in Mozarts »Ave verum Corpus« wiederholen, bis sie seinen Ansprüchen genügen. »Er hat eine genaue Vorstellung, wie er es haben will«, bestätigt Chorvorsitzende Ulrike Nehls. »Und er übt, bis es sitzt.«
Im Hauptberuf ist Christoph Mehner Kirchenmusiker in Ehingen, wo er drei Chöre leitet. Gereizt hat ihn am Kammerchor auch die Aussicht auf Kooperationsprojekte mit seinem Ehinger Hauptchor. So wirkten zuletzt der Kammerchor und seine Ehinger Kantorei in Bachs Weihnachtsoratorium zusammen. Ein Plan, der gut aufging, denn zwischen den beiden Ensembles funkte es auf Anhieb.

Ursprünglich aus Sachsen

Ursprünglich kommt Mehner aus Sachsen. In Dresden und Leipzig studierte er Kirchenmusik, seine Karriere begann er als Konzertorganist. Im Leipziger Bach-Wettbewerb errang er einen zweiten Preis, »das öffnete mir die Tür zum Westen«. Nach einer Konzertreise 1987 kehrte er nicht mehr in die DDR zurück. Im Westen wirkte er unter anderem als Kirchenmusiker in Westfalen, ehe er vor über zwanzig Jahren nach Ehingen kam. Die Orgel, sagt Mehner, sei der Grundstock seiner Arbeit. Es sei ein entscheidender Vorteil, wenn man seine musikalischen Vorstellungen zumindest auf einem Instrument bis ins Detail selbst verwirklichen könne.
Den Kammerchor will er hinsichtlich des Repertoires und seiner Gestaltungsfähigkeiten vorantreiben. Großen Wert legt er dabei auf ein variables klangliches Spektrum. Er wolle den Chor dahin bringen, erläutert Mehner, dass er »mit der Stimme ganz verschiedene Farben herzustellen« vermag: Farben des Lobes oder der Freude oder der Trauer etwa. Dafür und für die Genauigkeit der Artikulation sei Stimmbildung ein entscheidender Schlüssel, meint Mehner. Für wünschenswert hält er, die Einzelstimmbildung wiederzubeleben. Die war eine Zeit lang durchaus Praxis beim Chor, schlief jedoch vor drei Jahren ein, weil der japanische Stimmbildner infolge der Tsunami-Katastrophe in seinem Heimatland anderweitig ausgelastet war.
Als Nächstes steht am 30. März ein MozartProgramm in der Peter- und Paulskirche im Storlach an. Für den Herbst hat man ein reines Mendelssohnkonzert ins Auge gefasst. Mendelssohn, »weil er sich schön singt und man bei ihm gleichzeitig viel lernen kann«.

Ohne Mühe geht es nicht

Ob Mozart oder Mendelssohn: Mehner wird in den Proben weiter akribische Genauigkeit fordern. Dass sein neuer Chor da »auch mal stöhnt«, lasse sich nun einmal nicht vermeiden, schmunzelt er: »Der Weg zum Ziel ist eben oft auch steinig.« Den Probenprozess vergleicht der agile Sachse mit einer Bergwanderung das »Gipfelgefühl« bei einem erfolgreichen Konzert mache dann all die Mühen wieder wett, so sein Kalkül. Im Fall des Weihnachtsoratoriums ist das aufgegangen. Dort hat sich das Gipfelgefühl vollumfänglich eingestellt, wie Ulrike Nehls und die übrigen Chorvorständler versichern: »Es war schlichtweg ein Endorphinstoß«. (GEA) Kammerchor Reutlingen: 30. März, 19 Uhr, St. Peter und Paul im Storlach

Mit freundlicher Genehmingung des Reutlinger Generalanzeigers